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Auf dem blauen Sofa: Katrin Wilkens sprach über Frauen und ihren Wiedereinstieg in das Berufsleben

Aktualisiert: 2. Feb.

Katrin Wilkens


Auf unserem blauen Sofa hat schon wieder ein neuer, spannender Gast Platz genommen. Melanie und Anke haben sich angeregt mit Katrin Wilkens unterhalten. Katrin ist studierte Rhetorikerin, Journalistin, Autorin und Gründerin von i.do - einer Hamburger Jobberatung mit einem ganz einzigartigen Konzept für Frauen: einen maßgeschneiderten Job zu finden – in nur einem Tag.

Wie das funktionieren kann und über viele interessante Themen wie Onboardingangebote speziell für Frauen, die Gestaltung von Stellenanzeigen und die Sinnhaftigkeit der Frauenquote haben wir gesprochen.


i.do ist ein Jobberatungsangebot für Frauen – wie bist du zu dieser Gründungsidee gekommen?

Ich bin selbst Mutter von drei Kindern, ich habe Rhetorik in Tübingen studiert, ein Volontariat gemacht und ich habe als Journalistin gearbeitet. Mit drei Kindern musste ich irgendwann feststellen, „Das geht nicht mehr so ganz einfach mit dem spontan heute hier und morgen dort Reisen“. Ich habe nach einem neuen Arbeitsmodell für mich gesucht und mit einer Freundin zusammen i.do gegründet. Wir haben uns damals gefragt, was Journalisten eigentlich gut können. Wir können gut eine Geschichte erfassen und weitererzählen, wir können fragen und auch unverschämt fragen. Und noch unverschämter nachfragen. Und auch mal etwas in Frage stellen oder bezweifeln. So kommen wir an den Kern einer Geschichte heran. Das ist auch das, was wir in unseren Beratungen machen – den Kern der Person suchen, um auf das Potential abgestimmt, den passenden Job zu empfehlen.


Einen maßgeschneiderten Job finden – und das in nur einem Tag. Das hört sich spannend und herausfordernd an. Wie kann das funktionieren?

Der Kern unseres Beratungsangebots findet tatsächlich an einem einzigen Tag statt – die Kunden verbringen einen ganzen Tag mit uns, also jeweils mit zwei Berater:innen aus meinem Team. Das ist sehr intensiv und in der Zeit kommen wir mit unseren Fragen sehr gut an den wahrhaftigen Kern der Person und ihre Wünsche. „Wahrhaftig ist hierbei ein großes Wort und bedeutet bei uns so etwas wie die unverstellte Wahrheit. Also ohne gesellschaftlich oder sozial gefallen zu wollen, sondern ganz individuell auf mich bezogen.“ Das sind Fragen wie: Was will ich erreichen in meinem (Berufs-)Leben? Was will ich arbeiten? Mit welchen Inhalten und Themen möchte ich mich beschäftigen? Wie und wieviel will ich arbeiten? Welche Rolle soll meine Familie spielen? Wieviel Raum darf sie einnehmen? Welche Tätigkeiten machen mich glücklich?


Dann gibt es zusätzlich bzw. ergänzend zu dem Beratungstag eine Vorbereitung mit einem individuell abstimmten Fragenbogen für die Kundin und im Nachgang eine Zusammenfassung unserer Jobempfehlung mit vielen weiteren Rechercheinformationen. Damit die gesetzten Impulse auch in die Umsetzung kommen können.


Was sind denn typische Fragestellungen, mit denen die Frauen zu Euch kommen?

Bis vor Corona war die Frage nach der Sinnhaftigkeit im Job eine sehr, sehr große Komponente. Da ist zum Beispiel die Juristin, die Jura studiert hat, weil das ihr Vater und auch Großvater schon so gemacht hat und sie die Kanzlei übernehmen soll. Oder die Werbekauffrau, die sich am Ende des Tages fragt, was habe ich hier denn jetzt den ganzen Tag an dem einen Kundenflyer gemacht? Was nicht bedeuten soll, dass wir ein rein akademisches Beratungsangebot sind. Es hat eher was damit zu tun, dass ein Steinmetz, eine Hebamme oder eine Geigenbauerin ihre Ergebnisse immer sehen können. Deswegen haben sie, meiner Meinung nach, weniger Gründe an der Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit zu zweifeln.


Seit die Krisen sich häufen, wie Corona, der Krieg in der Ukraine, die steigende Inflation, die Energiekrise usw., sehen wir auf jeden Fall, dass das Thema Sicherheit gerade die Sinnhaftigkeit überholt. Bei uns sind auf jeden Fall die Wünsche nach einer selbständigen Tätigkeit nochmal zurück gegangen.



Du bekommst ja auch tiefe Einblicke in verschiedene Unternehmen und Organisationen. Was können Unternehmen denn tun, um sich besser bei der Mitarbeiter:innengewinnung, insbesondere von Wiedereinsteiger:innen, aufzustellen?

Ich finde, es fängt schon bei der Gestaltung der Stellenanzeigen an. Häufig machen Unternehmen den großen Fehler, dass sie eine sehr männliche Sicht auf Stellenanzeigen aufzeigen. Und hinzu kommt dann noch ein sehr ausführlicher Anforderungskatalog an den/die neue:n Stelleninhaber:in. Viele Frauen sehen dann die 15 Erfordernisse und bewerten für sich: „Ich kann davon aber nur 9,5. Also kommt der Job für mich nicht in Frage.“ Und ein Mann, der die Anzeige liest, würde eher sagen: „Klar, das eine kann ich und das andere lerne ich schon noch.“


Das hat auch etwas damit zu tun, dass bei vielen Frauen das Selbstbewusstsein in der Elternzeit schrumpft. Sie wissen nach ein, zwei, drei Kindern nicht mehr, was sie beruflich können und wofür sie stehen. Ich erinnere mich noch eine Situation, als mein Mann, ein Arzt, nach Hause gekommen ist und sagte: „Das war mal ein Tag, heute habe ich zwei Reanimationen zur selben Zeit gemacht!“. Und ich war anfangs immer noch fröhlich und erzählte von dem neuen Supermarkt, den wir an demselben Tag ausprobiert hatten. Und dann brach ich in Tränen aus, weil mir bewusst wurde, dass das gerade unsere Realität war. Der eine reanimiert Menschenleben und die andere probiert einen neuen Supermarkt aus. Und ich habe nicht einmal besonders lange Pause gemacht.



Was würdest du denn Frauen in Bezug auf die Babypause raten?


Je länger ich die Beratung mache, umso demütiger werde ich wohl auch. Ich bin ein sehr wettkampf- und leistungsorientierter Mensch. Ich arbeite einfach eben gerne, weil mir das viel Identität gibt. Das ist aber meine ganz persönliche Sicht. Und ich finde das Tolle an Deutschland ist, dass man tatsächlich auch die Freiheit hat, zu sagen: „Ich möchte gerne die ersten zwei, drei Jahre zu Hause bleiben, während die Kinder klein sind.“ Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die sich unter dem Druck zerreiben, die besten Dinkelkekse zu machen und dabei die beste Teilzeitlösung zu haben. Ich denke, wir Frauen dürfen nicht nur einen Schlag mehr Emanzipation erlernen, sondern auch noch etwas mehr Egoismus. Um dahin zu kommen und das zu machen, was man selbst gut findet und was einem persönlich auch guttut.




Gibt es denn noch irgendetwas Strukturelles, das sich ändern müsste, damit Frauen besser in den Arbeitsmarkt zukehren?


Ich denke, die Möglichkeit zum Homeoffice ist für viele heutzutage eine große Entlastung. Vieles lässt sich besser miteinander verbinden und manches geht doch schneller, als man dachte. Aber de facto ist das keine große Entlastung und langfristig ist die alleinige Arbeit von zu Hause aus einfach kein guter Zustand. Ich glaube ich würde da eher wieder in die Aufklärungsarbeit gehen. Welche Vorteile hat es, sich mal, so wie wir vorher beim Nudelsalat (Anmerkung der Redaktion: Melanie hat gekocht) zu treffen und zu schnacken. Auch wenn man nicht über die Projekte redet, bekommt man da doch ein gutes Gespür dafür, wie der andere so tickt und so ist.



Und wie schaust du auf das Thema „Frauen in Teilzeit“?



Was ich immer wieder höre, ist, dass natürlich jemand, der Teilzeit arbeitet nicht so eingebunden ist in das ganze System, wie jemand, der Vollzeit arbeitet. Logisch. Dann k


ommen ganz viele Fragen auf. Ist dieses Projekt jetzt eine Hol- oder Bringschuld? Wie gehe ich damit um, dass ich nicht zum Afterworkkaffee eingeladen werde? Deswegen finde ich eine institutionalisierte Coaching- oder Supportecke in einem Unternehmen tatsächlich eine sinnvolle Sache, weil viele Fragen, die man eben nicht den Kollegen oder Vorgesetzten stellt, kann man dann an so einer anonymisierten Stelle leichter unterbringen.


Und dann hört man ja auch immer wieder von der „Teilzeitfalle“. Ich finde, da muss man differenzierter hinschauen, denn Teilzeit ist nicht gleich Teilzeit. Soziologen nennen ja 30 Stunden vollzeitnahe Teilzeit. Und in der Arbeitswelt nennt man 30 Stunden und 20 Stunden eben auch Teilzeit. Ich glaube bei 20 Stunden ist es ganz deutlich, dass man da eben, ich sag mal, langweiligere Aufgaben bekommt und mit 30 Stunden fangen dann schon deutlich die Führungs- und Projektleitungsaufgaben an. Also die, die eigentlich ein bisschen spannender sind und auch Selbstwirksamkeit provozieren. Also wenn man von einer kleinen Teilzeit redet, dann ja, das kann eine echte Falle sein, in die man so reinrutscht, weil dann die Arbeit eben auch nicht besonders toll ist. Wenn es eine größere Teilzeit ist, dann können ja auch gerne die Männer mitmachen und beide 30 Stunden machen.




Ganz zum Schluss unsere letzte Frage: Was wünschst du dir für die Zukunft des Arbeitsmarktes?



Gute Frage – auf jeden Fall die Durchsetzung der Frauenquote. Eine Angleichung von Rentengerechtigkeit, einen geringeren Optimierungswahn, dass man alles eben nicht immer irgendwie perfekt haben muss. Und einen eher spießigen Begriff, den früher die Menschen eher hatten und auch pflegten und der heute ein wenig verloren gegangen ist: das ist Demut. Ein bisschen mehr Bescheidenheit. Das würde ich mir wünschen.



Und dann zitiert Katrin auf unserer neuen Schreibmaschine (einer Continental Standard von 1936) noch Morgenstern mit den folgenden Worten „Meine Gedanken: Kroklokwafzi? Semememi! Seiokronto – prafriplo“ Was für ein herrliche Anregung mit der Anmerkung „Das kann man im Job immer gebrauchen!“. Und so möchten wir uns ganz herzlich bei dir bedanken Katrin, dass du hier bei uns warst und uns in deinem Interview neue Einblicke in die Herausforderungen von Wiedereinsteiger:innen und Frauen in der beruflichen Umorientierung gegeben hast. Wir wünschen dir, deinem Team und i.do weiterhin viele erfolgreiche Beratungen.











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